Kasernengebäude abgesackt: Aachener fliegen zu Sondereinsatz nach Afghanistan

(Von Sarah Silius, Quelle Link: www.aachen.de)

Auf dem Schreibtisch von Marc Hölters klebt ein Merkzettel neben dem anderen. In dem Container, der in der Lilienthalstraße steht, sitzt Hölters jeden Tag am Schreibtisch, macht Verwaltungsarbeiten und geht ans Telefon. Manchmal hat der Mitarbeiter von Rohr- und Kanaltechnik Wilden auch Außeneinsätze, wenn einer seiner Kollegen ausfällt. Aber im Großen und Ganzen verlaufen die Tage des 36-Jährigen nach dem gleichen Schema. Bis jetzt. Denn jetzt kleben da die Zettel. Sie erinnern Hölters an all die Dinge, an die er noch denken muss, bevor er am 11. April in das Militärflugzeug am Flughafen Köln/Bonn einsteigt. Das Flugzeug wird Marc Hölters und seinen Kollegen Achim Königs nach Afghanistan fliegen.

Es ist der wohl weit entfernteste und gefährlichste Einsatz im Berufsleben der beiden Rohr- und Kanaltechniker. Ihr Auftrag: Bei den Sanierungsarbeiten an einem abgesackten Kasernengebäude in Mazar-e Sharif überwachen sie die Kanalisation. Bei ihren unterirdischen Arbeiten sind Hölters und Königs mit TV-Kameras ausgestattet: "Wenn Material in die Rohre gelangt, machen wir sie mit entsprechenden Fräsgeräten und Hochdruckspülungen frei. Wenn Rohre getroffen werden, dichten wir sie ab", erklärt Hölters die Aufgaben. "Als wir von dem Auftrag erfahren haben, dachten wir erst, das wäre eine Ente. Und dann haben wir erstmal geschluckt", erinnert sich Herbert Wilden, der Seniorchef der Firma. Vor zwei Wochen stand fest: Der Einsatz wird realisiert, zwei Techniker müssen für Afghanistan gefunden und ausgewählt werden. Herbert Wilden und sein Sohn, Juniorchef Thomas Wilden, entschieden sich für Hölters und Königs, "die Profis mit der meisten Erfahrung". Die Männer sind beide verheiratet und Väter von zwei Kindern. Eine Erfahrung fürs Leben. "Angst haben sie nicht, das Bundeswehrcamp liegt ja nicht mitten im Kriegsgebiet. Bei ihnen überwiegt die Spannung. Für sie ist der Einsatz eine Ehre und ein Abenteuer", sagt der 42-jährige Königs: "Das ist keine alltägliche Baustelle, sondern eine Erfahrung fürs Leben." Hölters weist auch auf den finanziellen Aspekt hin: "Am Ende des Monats bleibt natürlich etwas mehr Geld im Portemonnaie übrig."

 

Dem Einsatz haben sie auch im Sinne der Firma zugestimmt: "Wir wissen, dass auch hier vor Ort einige Einsätze anstehen und unsere Kollegen gebraucht werden." Wichtigste Voraussetzung war für beide, dass ihre Familien sie unterstützen. "Sonst hätte ich das nicht gemacht", versichert Königs, dessen Einsatzgebiet sich bislang auf Aachen und Köln beschränkte. Eine Erleichterung für die Männer: Sie sind seit Jahren befreundet. "Außerdem haben wir einen gemeinsamen Freund, der als Soldat in der Kaserne stationiert war und uns schon viel von seiner Zeit dort erzählt hat", erzählt Königs. Vor ihrem Abflug werden sich die Männer zu einem gemeinsamen Videoabend treffen, bei der ihr Freund sie noch näher auf das Leben im Bundeswehrcamp einstimmen will. Was sie schon wissen: Das Gelände dürfen sie auf keinen Fall verlassen. Wie Soldaten sind sie untergebracht, schlafen auf Feldbetten. Für Unterhaltung, neben der Arbeit, ist gesorgt: «Auf dem Gelände kann man Beachvolleyball spielen, Fußball gucken und es gibt sogar einen kleinen Basar. Hölter und Königs sind geimpft, haben Reisepässe und Visa beantragt und sich Bundeswehrkleidung und warme Schlafsäcke gekauft. Letztere sind für ihren Hinflug unentbehrlich, weiß Hölters: "Wir werden in Usbekistan zwischenlanden und übernachten, da ist es nachts sehr kalt." Mit dem ersten Einsatz, der zwei bis drei Wochen dauern soll, ist es noch nicht getan. Dabei sollen nur die ersten 150 Meter fertig gestellt werden. "Der nächste Einsatz steht im September an", kündigt Wilden an. Der Seniorchef wird fast ein bisschen neidisch auf seine Mitarbeiter: "Wenn ich 15 Jahre jünger wäre, würde ich am liebsten selbst mitfliegen."

Auszug aus der Chronik der Stadt Aachen 11.04.2010

(Quellelink: www.aachen.de)

Experten aus Aachen sollen in Afghanistan bei Reparaturarbeiten an einer Bundeswehrkaserne eingesetzt werden. Die beiden Kanaltechniker fliegen ins Camp nach Mazar-i-Sharif. In dem Nato-Stützpunkt ist ein Kasernengebäude etwa 20 Zentimeter abgesackt. Um das Haus mit einer speziellen Technik wieder anheben zu können, müssen zahlreiche Löcher in den Boden des Gebäudes gebohrt werden. Die Aachener Techniker überwachen mit Spezialkameras, dass dabei das Kanalsystem der Kaserne nicht angebohrt wird. Im Notfall müssen sie diese Löcher abdichten und eventuell frei fräsen. Angst haben die beiden Aachener nicht vor diesem besonderen Arbeitseinsatz. Etliche Kollegen von ihnen sahen das anders, sie lehnten den Einsatz im Kriegsgebiet ab.